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Psychotherapie, psychologisches Coaching und Beratung

Von Haltung, Filtern und Empörung

Haltung statt Empörung

Die Welt ist ein guter Ort. Die Welt ist ein schlechter Ort. Beides stimmt.

Es kommt darauf an, wo Sie sich aufhalten – körperlich und mental.

Gefühlt ploppten in den letzten Wochen viele Resümees des Jahres 2023 auf, die häufig den Tenor hatten „Wie furchtbar alles ist, wie schrecklich, das Jahr kann weg“.

Wenn jemand persönlich ein hartes Jahr mit seiner Familie, Gesundheit, Beruf hatte, kann ich das völlig nachvollziehen.

Was mir aber immer wieder entgegenkam, war ein Betroffenheitszelebrieren zur Weltlage. Ein Post „Oh mein Gott, die Welt wird immer schlimmer, die Menschen immer grauenhafter“ – einmal kurz in die Timeline mit großen Augen und nachdenklicher Stimme – und mit dem nächsten Post zurück zur Instagram-Tagesordnung wie mega doch das Wetter heute ist und wie gut der neue Schal sich anfühlt.

Zwei Punkte kommen mir da in den Sinn:

  1. Empörung alleine, mit der ich mir Likes und Schulterklopfer abhole – reicht nicht.
  2. Meine Welt ist so hell, wie ich Licht hereinlasse.

Ich fange mit 2. an und möchte etwas Farbe ins Grau bringt: Nein, die Welt ist nicht schlimmer als früher. Die Menschen sind nicht blöder oder grausamer geworden – wir haben nur leider und zum Glück heute die Möglichkeit, ALLES mitzubekommen, was schief läuft in dieser Welt.

Denken Sie doch mal an das Mittelalter – was da an Grausamkeiten veranstaltet wurde, wie Menschen mit übelsten Methoden gefoltert wurden, Frauen als Hexen verbrannt – das war nicht die gute alte Zeit mit dem sanftmütigen Wesen namens Mensch. Es gab schon immer Kriege, Menschen waren schon immer grausam – heute wie damals.

Und es gab schon immer wunderbare Gesten und friedfertige Menschen, die gute Impulse und Liebe in die Welt tragen.

Die Frage ist: Womit füttere ich meinen Geist?

Es geht mir nicht um toxische Positivität, oder um die Ignoranz aller Ereignisse auf der Welt – doch um einen achtsamen Umgang mit dem, was ich in meine Welt hole und womit ich meine Psyche beschäftige.

Das, was ich täglich lese, womit ich mich ständig auseinandersetze, wird zu meiner Wahrheit. Menschen, die sich andauernd grämen und sich empören – und da ist der Link zum ersten Punkt – die füttern auch das Gefühl der Empörung immer weiter.

Häufig bleiben sie dabei aber trotz allen Unmutes in ihrer Komfortzone, sie seufzen vom sicheren Posting aus ins Internet, anstatt die Ärmel hochzukrempeln und im Kleinen Dinge zu bewegen. DENN: Empörung und Unzufriedenheit OHNE Aktion – und das in einem hohen Maße – das macht auf Dauer lethargisch und niedergeschlagen. Und wenn wir mal ehrlich sind: Man selbst wird auch irgendwie ein nerviger Geselle – oder wollen Sie mit jemandem Zeit verbringen, der die ganze Zeit die Blätter von den Bäumen meckert?

Und was bringt die reine Empörung? Ganz ehrlich? Empörung à la „Also heute habe ich eine Begegnung gehabt – wie die Radfahrer sich im Straßenverkehr benehmen – geht ja gar nicht“, „Der XY hat mich hier so angeschnauzt, das lasse ich mir nicht gefallen!!!“

Was ist das? Was erwarten die, die das posten? Meiner persönlichen Meinung nach: Herzchen, Küsschen, Applaus. Beipflichtung und ein virtuelles über den Kopf tätscheln.

Ist Empörung im Internet nicht ein reines Egoding?

Worüber wir dann reden sollten?

Wie wäre es mit dem Thema AfD? „Auf keinen Fall über Politik – ich bin doch kein Experte.“ Doch – meiner (persönlichen!) Meinung nach sollten genau diese Menschen sich ebenfalls äußern. Privatleute, Coaches, Promis, Influencer, Musiker – äußert Euch bitte! Diese Argumentation „Macht Euren Job und keine Politik“ – was für ein Blödsinn. Weil man in bestimmten Berufen tätig ist, soll man bitte unpolitisch alles weglächeln und zusehen, wie Nazis ihren Mist verbreiten?

Haltung zu zeigen ist heute wichtiger denn je. Was der Unterschied zwischen Empörung und Haltung zeigen ist? Meiner persönlichen Meinung nach: die Empörer wundern sich ernsthaft, dass die AfD doch ganz schön böse ist, und teilen ihren Schmerz in der Insta-Story. Wird aber der Nachbar angefeindet oder die Demo überschneidet sich mit der Lieblingsserie, wird das Thema auch schon wieder unbequem.

Denen möchte ich zurufen: „Haltung zeigen, Stellung beziehen – zeig wofür Du stehst. Jammere nicht, mach eine klare Aussage, positioniere Dich. Und ja, scheiß auf das Marketingkonzept Deines Instagram-Accounts – „aber ich bin ja schließlich nicht politisch dort unterwegs?“ Ach komm – nicht politisch zu sein können wir uns nicht leisten.“

Dass einige große Influencer ihre Möglichkeiten nicht nutzen, wundert mich. Und eins sag ich Ihnen: Ich bin wirklich kein Veit-Lindau-Fangirl, aber seine klare Haltung und die sehr versierte Reaktion auf den folgenden Shitstorm der rechten Esoteriker, finde ich großartig. Ich bin überzeugt, dass Menschen, die so viele erreichen, auf diesem Wege eben doch etwas beitragen können, auch wenn sie nicht in einer Partei sitzen.
Doch selbst mit weniger Reichweite macht jeder, der Haltung zeigt, einen Unterschied, jeder ist ein Puzzlestück in einem großen Ganzen.

Worüber ich mich auch wundere: Dass sich so viele wundern. Die AfD ist menschenfeindlich. Die AfD ist rechts. „Aber der Hermann wählt die doch nur aus Protest?“
Wir sind doch keine Sechsjährigen, die die Wurzeln extra vom Teller schubsen, um Mama eins auszuwischen, wenn ihnen das Essen nicht passt. Was ist das für ein Gedankengang – „Den großen Parteien dann mal zu zeigen, wo der Hammer hängt“? Bestrafung der doofen Ampel und dann bessern die sich schon, wenn sie merken, so geht das nicht? Mann, dann haben wir Nazis in Machtpositionen, DAS ist der Preis. Nicht die Reiswaffel statt der Wurzeln.

Die AfD zu wählen, um zu protestieren, ist ein sehr kurz gedachter Weg. Die Politik zu verändern dauert sicher auf anderem Wege länger und ist extrem nervenaufreibend – aber dafür bleiben unsere Freunde und Nachbarn in diesem Land, und die, die sich für sie einsetzen. Unsere Kinder werden nicht nach „gesund“ und „nicht gesund“ voneinander separiert – und wir erleben kein weiteres Nazi-Deutschland. Jeder Mensch, der die AfD wählt oder verteidigt, dem muss klar sein, dass er oder sie Hand in Hand mit Nazis spazieren geht, deren Bernd von einem vollständigen Sieg der AfD und Deportation redet (Zitate mit Quellen gibt es in Massen).

Und nein, mir fehlt es nicht an Empathie für die, die mit dem System hadern und denen es nicht gut geht. Ich verstehe den Verdruss und die Wut. Aber ich verstehe nicht die vermeintliche Lösung: dann eine Partei zu wählen, die Menschen verachtet, und die gerade denen, die sie wählen, kein bisschen Besserung bringen wird! Im Gegenteil. Einfach mal das Parteiprogramm lesen.

Zum häufig gelesenen Argument „Eine Demokratie muss andere Meinungen tolerieren“ möchte ich nur kurz anmerken, dass rechtes Gedankengut nichts mit Meinung zu tun hat, sondern mit Hass. Und die gepredigte Toleranz fliegt uns gerade um die Ohren – nach dem Philosophen Karl Popper:

„Uneingeschränkte Toleranz führt mit Notwendigkeit zum Verschwinden der Toleranz. Denn wenn wir uneingeschränkte Toleranz sogar auf die Intoleranten ausdehnen, wenn wir nicht bereit sind, eine tolerante Gesellschaftsordnung gegen die Angriffe der Intoleranz zu verteidigen, dann werden die Toleranten vernichtet werden und die Toleranz mit Ihnen.“ („Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“, 1945)

 

Was wir außer Empörung tun können

Aufklärung, Stellung beziehen, Haltung zeigen – denn wie gesagt: das ist etwas anderes als passive Empörung. Den Mund aufzumachen, sich zu positionieren – und zwar nicht nur in einer Story sondern bitte auch im Supermarkt, im Freundeskreis, auf Demos und bei der Arbeit.
Nein, ich als Einzelperson werde die Welt nicht sofort hier und jetzt verändern, nur weil ich etwas sage, doch ich bin mir sicher: Wenn jeder, der gegen Rechts ist, sich genauso deutlich äußern würde und eine Haltung klar und deutlich zeigen würde, dann wäre es sichtbar, dass die Mehrheit in diesem Land keine Nazis will und nicht die AfD wählt.

 

Auf den Filter kommt es an!

Wie komme ich denn jetzt zurück zu Punkt 2? „Meine Welt ist so hell, wie ich Licht hereinlasse“. Von einem Unfall, den ich letzte Woche hatte, kann Ihnen berichten: Blechschaden, Schreck und nerviges Versicherungsgedöns. Und ich will Ihnen jetzt nicht erzählen, dass alles zu irgendwas gut ist, die ganze Veranstaltung hätte ich mir gern erspart – aber zwei Dinge habe ich trotzdem daraus mitgenommen:

Manchmal muss man wirklich einfach Glück haben. Der Fahrer von rechts wollte die Spur wechseln und hat nicht in den toten Winkel geguckt, er hat einfach rübergezogen und mich seitlich gerammt und auf die Gegenfahrbahn geschoben. Es kam gerade keiner im Gegenverkehr. Der wäre mir mit 50/60 Sachen frontal ins Auto gefahren. Also: Glück gehabt, ich bin dankbar, dass niemandem etwas passiert ist.

Die zweite Sache: Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit. Es war sofort Hilfe da, eine junge Frau öffnete meine Tür, fragte, ob alles in Ordnung sei, ob ich ein Warndreieck hätte, sie würde die Straße absperren. Eine andere Frau kam aus dem Gebäude gegenüber mit einem weiteren Warndreieck und teilt mir mit, dass die Polizei schon informiert sei. Der Fahrer, der mich gerammt hatte, kam nicht aus der Fahrertür, ich hab ihn über den Beifahrersitz aus seinem Auto gezogen, er hat sich bedankt und entschuldigt. Die Polizisten waren sehr beruhigend und nett.

Das nehme ich mit. Damit baue ich mir meine Welt. Nicht mit einem „Idioten, der nicht guckt und mich von der Fahrbahn rammt“, einem dramatischen Posting vom Unfallort und einer Empörung über die Fahrweise auf den Straßen heutzutage.

Was ich noch mitnehme: Die Menschen sind hilfsbereit. Und freundlich. Und versöhnlich (ja – ich weiß – sie sind auch ätzend und egozentrisch, aber es geht hier ja um den Fokus! Natürlich schaffe ich das auch nicht immer und an allen Tagen des Jahres – es geht darum, sich immer wieder daran zu erinnern und darauf zu besinnen.)

 

Was hat das mit hier zu tun?

Warum ich über so ein vermeintlich fachfremdes Thema hier schreibe? Es ist ganz nah an meinem Praxisalltag dran. Einige Klienten haben aufgrund von Erziehung, Prägung und Erlebnissen einen Fokus auf das Negative, andere empören sich ausschließlich – anstatt in die Aktion zu kommen. Hier ist natürlich wichtig, gemeinsam hinzuschauen und herauszuarbeiten, was sie oder ihn daran hindert, ins Handeln zu kommen, wie er oder sie es schaffen kann, den Filter, der die eigene Welt kreiert, zu verändern. Das ist möglich, wir haben eine viel höhere Selbstwirksamkeit in uns als wir häufig meinen.

Egal ob in meiner Praxis oder im Internet: Achten Sie darauf, womit Sie Ihre Welt füttern. Lesen Sie nicht ausschließlich die Horrormeldungen in den News, setzen Sie ein Gegengewicht.
Und tragen Sie selbst ganz bewusst etwas zum Positiven bei:
„In einer Welt, in der Du alles sein kannst: Sei freundlich.“

Schauen Sie genau hin – es gibt viel Gutes in der Welt um Sie herum!

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