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Psychotherapie, psychologisches Coaching und Beratung

Der Trauer Raum geben dürfen

Trauer

Ob durch Tod oder Trennung – wenn wir einen Menschen verlieren, dann trauern wir. Meistens sind wir nicht allein damit, was erst einmal gut ist. Doch es kann schwer werden, wenn die Menschen um uns herum eine Vorstellung davon haben, wie lange, wie intensiv und auf welche Art Trauer „richtig“ oder „normal“ ist. Im Hamburg Leuchtfeuer Lotsenhaus nahm ich an einem Informationstag für die Fortbildung zur Trauerbegleitung teil – und lernte dort unter anderem, dass die Phasen des Trauerns zum Beispiel als überholt gelten – Trauer wird inzwischen als ein dynamischer Prozess begriffen, der außerdem hochindividuell ist, denn jeder Mensch trauert auf seine Weise.

„Du musst jetzt stark sein.“ Einer der häufigsten Sätze, der neulich in einer Sitzung fiel, als ich meine Klientin darum bat, darüber nachzudenken, welche Ratschläge sie am meisten unter Druck setzen.

Du musst jetzt stark sein.

Warum? Warum dürfen wir nicht einmal im Moment des Verlustes, in einem Moment, in dem wir das Gefühl haben, unser Herz schlägt einen Takt langsamer als sonst – warum dürfen wir nicht einmal dann schwach sein?

Weil „Schwäche“ leider keinen guten Ruf hat, und weil es in unserer Gesellschaft noch immer als Schwäche gilt, seine Gefühle zu zeigen. Wovor haben die Menschen Angst – was könnte denn passieren, wenn wir ihnen zeigen würden, wie es uns wirklich geht? Vielleicht würden sie sich überfordert fühlen, vielleicht könnten sie damit nicht umgehen, wären um Worte oder Gesten verlegen, was wiederum häufig aus der Erziehung zu vermeintlicher Stärke herrührt.

Das Gefühl der Trauer des Gegenübers, welche selbst betroffen macht, das auszuhalten – dem weichen vielen Menschen aus. Sie möchten am liebsten, dass alles „schnell wieder gut ist“, Gefühle von Trauer sind nach ihrem Empfinden schlechte Gefühle, die es schnell zu überwinden oder gar zu vermeiden gilt. Aktiv nichts an der Gefühlslage ändern zu können, den anderen leiden zu sehen, einfach „nur da sein“ zu können, das ist für einen Trauerbegleiter in der Familie oder im Freundeskreis manchmal nur schwer zu ertragen.

Als Trauernde dürfen wir es wagen, darauf keine Rücksicht zu nehmen, denn es kann etwas Gutes dabei herauskommen, wenn wir uns so zeigen, wie wir fühlen: Wir könnten das bekommen, was wir brauchen. Zuneigung, Nähe, Abstand, Nachsicht, Umsicht – und vieles mehr. In jedem Fall würden wir diese Übereinstimmung unseres Inneren mit unserem Verhalten nach Außen spüren – und müssten uns nicht dem Druck aussetzen, die Erwartungen an unser Trauerverhalten zu erfüllen. Wir könnten uns den Raum nehmen, den wir brauchen, um über unseren Verlust hinwegzukommen. Und die anderen schaffen das schon.

 

Meine Trauer ist ein großer dunkler See. „Du musst jetzt stark sein“, sagen sie. Und ihre Worte sollen mich davon abhalten in diesen See zu springen. Ich könnte ertrinken, befürchten sie. Das ist ihre Angst.
Dass sie nichts weiter tun können als am Ufer zu stehen und dabei zuzusehen, wie ich alleine und verletzt in dem düsteren Wasser schwimme. Und dass sie nichts weiter tun können, außer da am Ufer zu stehen. In Sichtweite. Um mir ein Handtuch aus Trost zu reichen, wenn ich wieder hinaussteige. Auch das ist ihre Angst.
Doch ich weiß, ich werde nicht aufhören zu atmen, nein, ich werde nicht untergehen.
Aber ich werde in diesen dunklen See steigen.
Verzweifelte Runden werde ich drehen, ich werde meinen Träumen beim Sinken zusehen und mit meinen Tränen den See füllen. Doch ich werde schwimmen.
Ein angestrengtes Brustschwimmen, ein wütendes Kraulen, und dann –  gleite ich ganz ruhig auf dem Rücken dahin, den Blick in den grauen Himmel gerichtet. Vielleicht brauche ich ein Floß in dem Wasser der Traurigkeit, um mich kurz auszuruhen, wenn ich keine Kraft mehr habe.
Und in dem Moment, in dem ich an dem grauen Himmel ein kleines Stückchen Blau erblicke, in diesem Moment werde ich zurückschwimmen, ans Ufer, zu Euch. In mir tragen werde ich diesen See für immer. Doch ich werde nicht ertrinken.
Sagt mir nicht, ich soll stark sein. Lasst mich trauern. Ich werde nicht ertrinken.
(Julia Schröder-Göritz)

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